Bach zu Mittag

Samstag, 15. Juni 2013 - 12:00 Uhr

Bach zu Mittag

Michael Radulescu – Orgel

Das heutige Konzertprogramm spannt einen weiten Bogen vom „jugendlichen“ Bach, über seine großangelegten Orgelwerke der mittleren Schaffensperiode in Weimar, bis hin zur höchsten, vollendeten Reife des Meisters in seiner Leipziger Zeit.

Die hochvirtuose Trias von Toccata, Adagio & Fuge lehnt sich in ihren Ecksätzen der norddeutschen Phantastik an, als ein eindrucksvolles Beispiel affektgeladener rhetorischer Klangrede, aber dennoch nicht frei von geistreichem Humor neben dem wuchtigen pathos. Das in der Mitte stehende Adagio ist hingegen gänzlich dem italienischen Geschmack verpflichtet: Es beginnt als affektbetonte instrumentalsolistische Aria über einem pizzicato-ähnlichen Continuobaß und endet im frühbarocken italienischen Orgelstil der durezze e ligature („Dissonanzen & Vorhalte“), welcher der Elevation der Messe im römischen Ritus vorenthalten war. 
Auf italienische Vorbilder geht ebenso auch die früh entstandene Pastorella zurück. Der ruhige Einleitungsteil schwingt sanft über längere Orgelpunkte des Pedals, während der zweite Abschnitt auf die in Italien üblichen weihnachtlichen Dudelsackklänge anspielt. Dem kantabel-ariosen, sanft klagenden dritten Teil folgt eine ebenso heiter wie meisterhaft komponierte giga im italienischen Gusto.

Die erst im Jahre 2000 (wieder-)entdeckte Phantasie über „Wo Gott, der Herr nicht bey uns wohnt“ entstammt Bachs frühester Schaffensperiode. Sie folgt norddeutschen Vorbildern, doch steht sie – dank ihrer durchwegs „cantablen Spielart“ – dem Mittel-/Süddeutschen Stil wesentlich näher als der nordischen Monumentalität.
Bachs „Dritter Teil der Clavier-Übung“ von 1739 ist gleichsam als seine Summa Theologia anzusehen. Anfang und Ende der monumentalen Sammlung bilden das Praeludium, bzw. die Fuga a 5, beide „im Vollen Werk“ auszuführen. Dabei durchzieht der geistig-geistliche Urgedanke der Trinität, des Katechismus, der Taufe, des Abendmahls und der aus Kyrie-Christe-Kyrie- & Gloria- („Allein Gott in der Höh’ sei Ehr“) Sätzen bestehenden „Missa brevis“ die ganze Sammlung. Die jeweiligen Choral-cantus firmi scheinen in je einer großen, ausführlichen, symbolträchtigen und einer kleinen, mit alio modo bezeichneten, Fassung auf. Allein schon durch ihre auf dem „Goldnen Schnitt“, der proportio divina, aufgebaute formale Gliederung stellen aber die majestätischen Es-dur Ecksätze des monumentalen Opus, das Praeludium und die Fuge, das Wesentlich-Unaussprechliche der Dreieinigkeit dar.

Michael Radulescu, im Januar 2013