… denn du weißt die Stunde nicht! Eine barocke Kriminalgeschichte …

Freitag, 14. Juni 2013 - 19:30 Uhr

… denn du weißt die Stunde nicht! Eine barocke Kriminalgeschichte …

Ensemble Klingekunst
Georg Wacks – Schauspieler
Sieglinde Größinger – Traversflöte
Christoph Urbanetz – Viola da Gamba
Hubert Hoffmann – Laute
Maja Mijatovic – Cembalo

Personen der Handlung und was tatsächlich vorfiel

Sieur de Blancrocher, Charles Fleury (ca. 1605–1652)

Leider ist von diesem Lautenisten nur eine einzige Allemande überliefert. Anhand der Zahl musikalischer Denkmäler, die ihm nach seinem Tod von J. J. Froberger, L. Couperin u. a. gewidmet wurden, kann man jedoch sein großes Wirken erahnen. Zudem könnten auch die Umstände seines plötzlichen Todes – Blancrocher stürzte von der Treppe seines Pariser Hauses – zu den vielen Tombeaux (franz. le tombeau = Grabmal) seiner Zeitgenossen geführt haben.

 

Johann Jacob Froberger (1616–1667)

Der Organist, Cembalist und Komponist schrieb nicht nur dem im Jahre 1652 durch einen Treppensturz zu Tode gekommenen Pariser Lautenisten Charles Fleury, Sieur de Blancrocher, ein Tombeau, sondern war selbst Zeuge dieses Unfalls. Auf einer darauf folgenden Reise von Paris nach London wurde Froberger zwischen Calais und Dover von Piraten ausgeraubt und kam ohne jegliches Geld in London an. 1654 schreibt er in einem Brief an seinen Freund Athanasius Kircher, dass er in England reges Interesse an dessen musiktheoretischem Werk Musurgia universalis verspürt habe. Den Universalgelehrten hatte Froberger einige Jahre zuvor, 1645, in Rom kennen und schätzen gelernt. Der Komponist studierte die mechanistische Kompositionslehre Kirchers und übte sich im Umgang mit der von diesem entworfenen Komponiermaschine »acra musurgica«. 1649, auf einer Reise von Rom nach Österreich, präsentierte Froberger die »arca musurgica« in Florenz und Mantua und schrieb Kircher von der erfolgreichen Darbietung des Kästchens vor Ferdinand III. in Wien. Der selbst musizierende Kaiser soll begeistert gewesen sein.

 

Athanasius Kircher (1602–1680)

Im achten Buch der Musurgia universalis liefert der Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher eine genaue Beschreibung von Aufbau und Struktur seines Komponierkästchens. Mit dessen Hilfe sollte es auch einem Laien möglich sein, in kurzer Zeit eine hochwertige Komposition zu verfassen. Vorausgesetzt ist dabei ein schematisierter Begriff von Komposition, eine mechanistische Kompositionslehre, die stark von der universalistischen Kombinatorik des Ramon Llull geprägt wurde: Wissen, extensional erfasst, wird kategorisiert und nach Belieben kombiniert. Dabei lag dieser von Kircher weitergeführten universalen Vorstellung und Ausführung von Wissenschaft kein Nominalismus zugrunde, sondern vielmehr sollte mittels der Darstellung und Kombination jeglicher Daseinsmöglichkeiten (bzw. aller denkbaren Formen mehrstimmiger Musik) das Absolute, das Eine, das Denken Gottes oder eine ideale Wesensform erreicht bzw. berührt werden. Ein Komponierkästchen, das nach den Plänen Kirchers realisiert wurde, wird in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel aufbewahrt.

 

Arca Musurgica

Abb.: Die „Arca Musurgica“, ein von Athanasius Kircher konstruiertes Komponierkästchen

 

 

Jean-Marie Leclair – l’aîné (der Ältere) (1697–1764)

In der gefährlichen Rue de Carême-Prenant, in welche Leclair, getrennt von seiner Frau, gezogen war, wartete am späten Abend des 23. Oktober 1764 ein Unbekannter auf den berühmten Violinisten. Leclair wurde im Hausflur vom Gärtner des Hauses tot aufgefunden. Laut erhaltener Polizeiakten wurden Guillaume-François Vial, der Sohn seiner Schwester Françoise, Madame Leclair und der Gärtner der Tat verdächtigt. Der Fall blieb jedoch unaufgeklärt.

 

Marin Marais (1656–1728) und Jean de Sainte-Colombe (bis ca. 1701)

Marais, ein französischer Gambist und Komponist, war Schüler von Monsieur de Sainte-Colombe, welcher sich durch die Hinzufügung der siebten Saite zur Bassgambe verdient gemacht hatte. Diesem widmete er 1701 mit einem Tombeau einen musikalischen Nachruf. Marais selbst starb 1728 in Paris eines natürlichen Todes.

 

Georg Philipp (1681–1767) und Maria Catharina Telemann (1697–1775)

Der Tod seiner ersten Frau − sie starb kurz nach der Geburt der ersten Tochter im Jahre 1711 − hatte Telemann sehr getroffen. Auch seine zweite Ehe mit der 16-jährigen Frankfurterin Maria Catharina Textor, Tochter eines Frankfurter Ratskornschreibers, endete traurig und abrupt. Nicht nur, dass Maria Catharina ihren Gatten mit einem schwedischen Offizier betrog und er dafür öffentlichen Spott einstecken musste, verspielte sie auch sein ganzes Vermögen, insgesamt 5.000 Reichstaler (etwa 18.125 Hamburgische Mark), wodurch sich Telemann gezwungen sah, sich von ihr zu trennen.

 

Francesco Maria Veracini (1690–1768)

Der exzentrische Virtuose, der als «Ausnahmegeiger» galt, traf während seines Dresdener Aufenthaltes auf Feindseligkeiten seiner Kollegen. Im Jahre 1722 stürzte er sich aus dem 2. Stock eines Wohnhauses, wobei «[d]ie Schuld sothaner Verrückung des Verstandes (…) / theils seiner allzugrossen application auf die Music / theils der Lesung chymischer Schriften beygemessen [wird] / als in welchen letztern er sich so sehr vertieffet / daß er endlich gar nicht mehr hat schlaffen können» (Mattheson, 1722 nach Schleuning, 1984). Infolge zahlreicher Knochenbrüche an Fuß und Hüfte hinkte Veracini bis zu seinem Lebensende.

Ein weiterer Bruch geschah, nachdem er im Jahre 1746, frustriert aufgrund fehlender Erfolge in England, über den Ärmelkanal wieder nach Florenz segelte: Das Schiff, auf dem er unterwegs war, kenterte, Veracini selbst überlebte. Der Verlust von zwei seiner zehn Geigen von Jakob Stainer (ein Tiroler Geigenbauer, 1618–1683) bei diesem Unfall konnte bisher nicht belegt werden. Er soll jedoch über ein verloren gegangenes Manuskript geklagt haben.

 

Silvius, Sylvius, Leopold Weiss (1687–1750)

Im Jahre 1718 war der deutsche Komponist und Lautenist ein außerordentlich gut bezahltes Mitglied der Dresdener Hofkapelle. Ein möglicherweise neidischer Kollege namens «Petit» versuchte im Jahre 1722 Weiss den rechten Daumen abzubeißen. Dieser Zwischenfall tat der spielerischen Virtuosität und den kompositorischen Fähigkeiten des Musikers keinen Abbruch. Vielmehr gilt er bis heute als der bedeutendste Lautenist der Neuzeit.

 

Stübchen der unerhörten Dinge

1998 erhörte Roland Albrecht den Ruf der Dinge und gründete das «Museum der unerhörten Dinge». Er versteht es als «Musensitz, ein Ort des Ungewöhnlichen und Seltsamen, der Wunder- und Kunstkammern» (Roland Albrecht). Das Komponierkästchen Athanasius Kirchers findet sich leider nicht in diesem Museum, aber ein roter Faden, das Fell eines Bonsai-Hirsches, die berühmte 7. Saite und andere Unerhörtheiten sind in Berlin-Schöneberg zu besichtigen; nachzulesen unter www.museumderunerhoertendinge.de

Text: Caroline Scholzen